Ich folge einer schrägen Eingebung, werde gechannelt und nehme Abschied von meinem erleuchteten Tarot-Meister.

Ich sitze, das Gesicht zur Wand, unter der Dachschräge. Der Regen klopft gleichmäßig gegen die schmalen Giebelfenster. Es ist später November, draußen ist es bereits dunkel. Die Luft ist stickig, wir sind mehr als Zwanzig in dem engen Raum. Jeden Donnerstagabend trifft sich hier eine Meditationsgruppe um, Schulter an Schulter, gemeinsam Zen zu praktizieren.

Ich habe vor einigen Monaten damit begonnen und alleine zuhause die Konzentration zu halten, fällt mir schwer. Der Zen-Lehrer hat während des Einführungskurses die wöchentliche Praxis in einer Gruppe empfohlen. „Für Ungeübte“, hat er uns erklärt, „ist es viel leichter im Chor den Ton zu halten, als Solo.“ Damit her er recht, habe ich festgestellt. Deshalb komme ich regelmäßig hierher, mein Zafu – das Meditationskissen – unter dem Arm, um meine drei Runden Sitzmeditation und zwei Runden Gehmeditation zu absolvieren. Die Zen-Praxis findet im Schweigen statt: ich kenne zwar alle vom Sehen, habe mich aber noch nie mit jemandem aus der Gruppe unterhalten.

Ich sitze und lausche in die Stille hinein, während ich meinen Atem, meinen Körper und die anderen der Gruppe um mich spüre.

Auf einmal erklingt in mir eine Stimme. „Du musst dem Ziegler schreiben!“, sagt sie sehr bestimmt. Das reißt mich aus meiner Konzentration. Ich schüttle verwirrt den Kopf, schiebe den störenden Gedanken beiseite, und versuche wieder, einfach nur präsent zu sein und an nichts zu denken. Vergebens. Nach ein paar Minuten erklingt wieder die lästige Stimme: „Du musst dem Ziegler schreiben!“

Automatisch kommt mir die „VII“ aus den großen Arkana des Tarot in den Sinn – „Der Wagen“. Und dazu der Merksatz eben jenes Zieglers, dem ich, so meine penetrante innere Stimme, unbedingt schreiben soll: „Eingebungen, die in der Meditation aufscheinen, verdienen Aufmerksamkeit und sollten beachtet werden.“

Aha.

Dass ich gerade in Meditationshaltung auf diesem Kissen sitze, verdanke ich in gewisser Weise auch Ziegler. Und einem weiteren seiner Merksätze zu „VII“ – „Der Wagen“: „Regelmäßige Meditation ist ab einem bestimmten Punkt unserer persönlichen Entwicklung kein ‚Luxus‘, sondern eine Notwendigkeit.“

Während der Morgenmeditation am nächsten Tag hängt mir die Botschaft meiner Inneren Stimme von gestern Abend nach. Warum, bitte, soll ich dem Ziegler schreiben?

Obwohl seine beiden Bücher zu Tarot so etwas wie meine persönliche Bibel sind, habe ich mir nie groß Gedanken um den Autoren gemacht. In beiden Büchern ist auf der letzten Seite ein vages Schwarz-Weiß-Photo von ihm abgebildet. Ich habe deshalb eine ungefähre Idee, wie er aussehen könnte – oder besser, vor Jahren einmal ausgesehen hat – aber das war es auch schon. Ich habe ihn nie gegoogelt und kann mich nicht erinnern, dass mich jemals die Frage beschäftigt hätte, wie der Mann wohl ist, der mir das Kartenlegen beigebracht hat.

Egal, beschließe ich, als ich, die Kaffeetasse neben dem Laptop, an meinem Schreibtisch Platz nehme. Eine Eingebung ist eine Eingebung, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hole Briefpapier und Füllfederhalter heraus – es wird ein privater Brief, so viel ist klar, den tippe ich nicht am Computer. Nur: was soll ich ihm schreiben, diesem ominösen Gerd B. Ziegler?

Ich starre gedankenversunken durch das Fenster in den grauen nassen Garten hinaus. Bilder steigen in mir auf: ich sehe mich neben der Freundin durch eine dunkle Regennacht laufen. Der Asphalt glänzt nass, Laub raschelt unter unseren Füßen. Wir sind auf dem Weg zu einer Bekannten meiner Freundin, die mir die Karten legen wird. Es war die Nacht, in der ich das erste Mal Tarot begegnete. Am nächsten Tag kaufte ich mein erstes Kartenset mit dem Begleitbuch von Ziegler. Es muss Ende November gewesen sein, ungefähr zur gleichen Zeit im Jahr wie jetzt. Wie lange ist das jetzt eigentlich her? Zwanzig Jahre! Seit genau zwanzig Jahren lege ich nach den Anweisungen von Gerd B. Ziegler Tarot-Karten!

Das, denke ich mir, ist wahrhaftig ein Grund für einen Brief. Einen Dankesbrief! Jetzt fällt mir das Schreiben leicht: dass seine klugen Bücher mich seit zwei Jahrzehnten begleiten würden, wie dankbar ich ihm wäre für seinen weisen Rat und dass mein Leben ohne ihn anders – und sicher schlechter – verlaufen wäre, bringe ich zu Papier. Es dauert höchstens zwanzig Minuten, dann bin ich fertig.

Ich schreibe die Verlagsadresse auf den Umschlag, klebe noch eine Briefmarke oben drauf und werfe den Brief am späten Nachmittag auf dem Weg zum Einkaufen in den gelben Postkasten. Als sich die Klappe mit lautem Klappern hinter dem Umschlag schließt, habe ich ihn bereits vergessen. Mission accomplished.

Deshalb trifft mich völlig unvorbereitet, was zwei Wochen später geschieht. Es ist ein Sonntag. Draußen ist es nass, kalt und grau und ich beschließe, einen Cheat-Day einzulegen. Unfrisiert und im Schlafanzug liege ich um zwei Uhr Nachmittags im Bett, lese „Harry Potter“ und esse Schokolade.

Auf einmal trifft mich etwas mit einer solchen Wucht, dass ich beinahe aus dem Bett geschleudert werde. Erschrocken und verwirrt schaue ich mich um und „sehe“ über meinem Kopf einen Mann, der, am Schreibisch sitzend, einen Brief in der Hand hält, über dessen Rand hinweg er mich durchdringend mustert. Es ist, als hätte sich plötzlich ein Fenster in der Wand aufgetan.

Ich schnappe nach Luft: das ist mein Brief und der Mann ist ganz offensichtlich der Autor meiner Tarot-Bücher! Es sind nur wenige Sekunden, dann verschwindet die seltsame Erscheinung wieder. Abgesehen davon, dass ich mich wieder einmal frage, ob es sein kann, dass ich verrückt bin, hat sie mir gründlich den Tag versaut. Ich lege keinen Wert darauf, von irgendjemandem in Augenschein genommen zu werden, während ich im Schlafanzug, Schokolade essend und Harry Potter lesend im Bett liege! Da kann die Form der Kontaktaufnahme noch so außergewöhnlich sein, ich will das nicht! Der Brief war ein Dank gewesen, keine Einladung für Übergriffe!

Nach ein paar Stunden habe ich die seltsame Erscheinung verdaut und vergesse die Sache wieder. In zwei Wochen ist Weihnachten. Ich habe anderes zu tun, als mir über okkulte Seltsamkeiten den Kopf zu zerbrechen.

Drei Tage später ziehe ich mit der Tageszeitung einen goldenen Umschlag aus dem Briefkasten. Ich bin erstaunt: ein früher Weihnachtsgruß? In der Küche stelle ich fest, dass mir doch tatsächlich Gerd B. Ziegler geschrieben hat! Unter seiner Privatadresse!

Wie sehr er sich doch über meine Dankesworte gefreut hätte, schreibt er mir – mit der Hand – und dass er mich enlädt, als sein Gast an einem seiner nächsten Tarot-Kurse in der Schweiz teilzunehmen. Der nächste finde im Februar statt, ein weiterer im Juni. Seine Assistentin wisse Bescheid, nachstehend ihre Nummer, ich solle mich bei ihr melden, um alles weitere zu besprechen.

Ich muss mich setzen. War das die Intention meiner Inneren Stimme, als sie mir auftrug, den Brief zu schreiben?

Ich zermartere mir den Kopf, ob ich die Einladung annehmen soll, oder nicht. Als ich am Donnerstagabend wieder meine Meditationsgruppe besuche, bin ich immer noch nicht zu einer Entscheidung gekommen.

Während ich still auf meinem Zafu sitze und versuche, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren und sonst nichts, habe ich auf einmal ein Lied im Ohr. Von den Beatles! „You say hello and I say goodbye! Hello, Hello – I don´t know why you say hello, I say goodbye…

Ein Ohrwurm! Ich kriege den Song nicht weg, so sehr ich mich auch bemühe, wieder in die Konzentration zu kommen. Als ich nach der Meditation in der Dunkelheit zum Auto laufe, singe ich das Lied gedankenversunken vor mich hin. Auf einmal reißt es mich: Moment! Der Text, der in meinem Inneren aufgetaucht ist, ist falsch. Eigentlich geht es genau anders herum! Im Lied heißt es: „You say goodbye, I say hello. I don´t know why you say goodbye, I say hello.

Jetzt verstehe ich, was ich tun muss.

Am nächsten Morgen schreibe ich einen weiteren Brief an Gerd B. Ziegler: dass ich mich für seine großzügige Einladung bedanken möchte, aber erst jetzt verstanden habe, warum ich ihm meinen Dankesbrief schrieb: weil ich mich von ihm in aller Form verabschieden wollte. Was ich hiermit tue.

Ich werfe den Brief ein und höre nie wieder etwas von Gerd B. Ziegler. Aber drei Monate, nachdem ich ihm den Abschiedsbrief geschrieben habe, treffe ich auf meinen ersten Zen-Lehrer.

Erst nachdem ich offiziell zum ersten Mal Schülerin eines Lehrers geworden bin, verstehe ich, dass Gerd B. Ziegler nicht nur mein kluger Tarot-Meister, sondern auch mein erster Meditationslehrer war. Und dass es notwendig war, Unabgeschlossenes zu beenden, damit ich offen war für das Neue, das in mein Leben treten würde. Genau, wie er es in der „VII“ – „Der Wagen“ empfohlen hat.

Das „B“ in „Gerd B. Ziegler“ steht im übrigen für „Bodhi“ – der Erleuchtete. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber es könnte was dran sein.