Ich lerne eine weitere professionelle Kartenlegerin kennen, mache Bekanntschaft mit einem Familiengespenst und gewinne neue Einsichten in die Interpretation von Tarot.

Einige Zeit, nachdem die niederbayerische Kartenlegerin in mein Leben getreten ist, lerne ich eine zweite kennen. Diesmal in Oberbayern: die Neue lebt direkt an der Grenze zu Österreich in den Bergen.
Die Kartenlegerin ist bezaubernd, stelle ich bei meinem ersten Besuch fest. Sie ist umwerfend schön, mit großen braunen Augen, dunklen dicken Locken und von großer Herzlichkeit. Ich bekomme erst einmal einen Kaffee angeboten, wir trinken ihn zu dritt. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter – ihrem älteren Ebenbild – in einer kleinen Wohnung.
Das Geplauder, dass sich während des gemeinsamen Kaffeetrinkens entfaltet, ist angenehm – und gleichzeitig völlig verwirrend. Ständig nehmen beide Frauen Bezug auf „den Papa“ – als ob er mit uns am Tisch säße. Obwohl wir definitv nur zu dritt sind. Eine bizarre Situation. Wo bin ich hier nur hingeraten?
Ich versuche, mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen und erfahre nach und nach, dass „der Papa“, bei dem es sich um den Vater der Kartenlegerin handelt, bereits vor fünfzehn Jahren verstorben ist.
Nichtsdestotrotz ist er weiterhin ein fester Bestandteil des Haushaltes, denn Mutter wie Tochter stehen in ständigem Kontakt mit ihm. Bei allen familiären Problemen wird „der Papa“ um Rat gefragt. Und was er sagt, gilt! Er ist schließlich das Familienoberhaupt!
Begeistert erzählen mir beide, wie resolut „der Papa“ aufdringliche Verehrer der Kartenlegerin abwehrt. Der rennen die Männer die Bude ein – was mich nicht wundert, so schön und herzlich wie sie ist – und sie weiß sich nicht zu helfen, wie sie die Bewerber um ihre Gunst wieder los wird. Gutmütigkeit kann eine Bürde sein, zumal, wenn sie mit Schönheit einher geht.
Glücklicherweise hat sie ihren „Papa“, der – ausweislich der Erzählungen meiner Gastgeberinnen – dieses Problem effektiv zu lösen weiß.
Beim Zuhören dreht sich alles um mich, weil genauso selbstverständlich von der erfolgreichen Abwehr eines aufdringlichen Verehrers erzählt wird, der die Kartenlegerin mit Anfang zwanzig bedrängte – als der Vater noch lebte – wie von einem, der vor ein paar Monaten zur Belastung wurde. Die Kartenlegerin ist Mitte vierzig und geschieden. So wie Mutter und Tochter über „den Papa“ sprechen, scheint sein Tod kein großer Einschnitt im Leben der beiden gewesen zu sein.
„Und dann hod der Papa des gmacht, wos er scho immer gmacht hod,“ schildert die Mutter entzückt die Konfrontation des Vaters mit dem letzten Verehrer, „und hod ihm die Meinung gsogt.“
„Und wie, bitte, als Geist?“
Die beiden sind erstaunt, dass ich nachfrage. Sie kichern wie die Schulmädchen, als sie mich in das übliche Procedere einweihen: aufdringliche Verehrer, erfahre ich, werden zum Abendessen eingeladen – worüber sie nachvollziehbarer Weise erfreut sind – und danach wird ihnen „der Papa“ vorgestellt. Im Zuge einer Seance. Meine Kartenlegerin bittet „den Papa“ nach dem Dessert feierlich um einen Besuch. Das wäre bloß Show, erklären mir die beiden, er wäre ja immer da, aber so wirkt es besser. Damit sich der Gast und „der Papa“ unterhalten können, wird außerdem das klassische Equipement aufgefahren: ein Glas und die Buchstaben des Alpabets auf Zetteln aufgemalt, die kreisförmig auf der Tischplatte ausgelegt werden.
Sie könnten sich – im Gegensatz zu Außendstehenden – auch ohne Hilfsmittel mit „dem Papa“ unterhalten, erklärt mir die Kartenlegerin. Obwohl, erinnert die Mutter die Tochter, ab und zu käme jemand vorbei, der es ebenfalls direkt hinkriege.
Ich gehöre zu denen, die das nicht können – worüber ich erleichtert bin.
Wenn also, fährt die Mutter fort, „der Papa“ offiziell eingeladen wurde und seine Anwesenheit durch das autonome Rücken des Glases von Buchstabe zu Buchstabe unter Beweis gestellt hat, wird der Gast aufgefordert, sich mit „dem Papa“ zu unterhalten. Was „der Papa“ regelmäßig nutzt, um den Verehrer in seine Schranken zu weisen.
Die Mutter prustet los, als sie mir erzählt, was „der Papa“ zum letzten Kandidaten gesagt hat: „Du bist ein Arschloch.“
„Des war ned nett vom Papa“, seufzt die Kartenlegerin. „Aber er hat recht ghabt. Der war ja so was von furchtbar! Und wir hätten uns nie getraut, ihm des zu sagen.“ Nach der Seance wurde der Verehrer nie wieder gesehen, versichern mir beide hoch zufrieden.
Damit ist die Kaffeerunde beendet und ich werde ins Büro der Kartenlegerin geführt. Ich bin etwas desorientiert nach der schrägen Papa-Geschichte, aber gespannt, wie sie wohl Karten legt. Ich war erst vor ein paar Wochen bei meiner niederbayerischen Kartenlegerin, es müsste in etwa das Gleiche herauskommen.
Das tut es – und ich lerne, wie wichtig die Persönlichkeit der Kartenlegerin bei der Interpretation ist. Die Kartenlegerin aus Niederbayern hatte mir erklärt, es läge einer in meinem Umfeld, der wäre nett, aber komisch. Irgendwas wäre mit dem nicht in Ordnung. Mehr hat sie nicht dazu gesagt.
Bei der oberbayerischen Kartenlegerin wird daraus ein ganzer Roman: da wäre einer in meinem Umfeld, den hätte ein schlimmer Schicksalsschlag gezeichnet. Der hätte seine Frau verloren, bei einem Unfall, und darüber wäre er nie hinweg gekommen.
Und so geht es weiter, Punkt für Punkt. Es gibt keine Abweichung bei den Fakten, aber sehr wohl in der Interpretation: wo sich meine nüchterne niederbayerische Kartenlegerin auf das beschränkt, was sie sicher weiß, liefert die oberbayerische einen kompletten Roman dazu. Entsprechend lang dauert die Legung: was die erste in einer Stunde schafft, dafür braucht die zweite das doppelte.
Als wir fertig sind, bin ich völlig erschlagen. Ich zahle ebenfalls fünfunddreißig Mark – viel zu wenig für zwei Stunden – verabschiede mich von der herzlichen Kartenlegerin, von ihrer Mutter und ausdrücklich auch „vom Papa“ und wanke zum Auto.
In der darauf folgenden Zeit gehe ich regelmäßig auch zur oberbayerischen Kartenlegerin. Nicht wegen des Kartenlegens: die meisten ihrer Ausschmückungen – stellt sich heraus – treffen nicht zu. Sondern weil ich Mutter wie Tochter sehr mag und die Atmosphäre bezaubernd finde.
Ach ja: ein paar Jahre später – nach dem Tod ihrer Mutter – hat die schöne oberbayerische Kartenlegerin wieder geheiratet. Einen promovierten Physiker aus Grünwald, der sie auf Händen trägt. Was sie verdient hat.
Ob jetzt neben „dem Papa“ auch „die Mama“ bei ihr lebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich gehe davon aus, dass das so ist. Keine Ahnung, was der Physiker dazu sagt…
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