Ich treffe auf eine professionelle Kartenlegerin und bekomme eine neue Sichtweise auf Tarot.

Irgendwo an den Ausläufern des bayerischen Waldes – mitten im tiefen Niederbayern – liegt ein kleines Dorf. Es ist so winzig, dass es dort nicht einmal ein Wirtshaus gibt. Eigentlich ein Unding in dieser Gegend. Der Ort ist nicht mehr als ein Weiler: eine kleine Kirche, ein Feuerwehrhaus, ein paar Bauernhöfe, dazwischen einige Einfamilienhäuser. In einem davon lebt und arbeitet die Kartenlegerin.

Eine Freundin, die ich in München kennengelernt habe, hat mich hierher geschleppt. Sie stammt aus dieser Ecke und verdankt ihrer Mutter den Kontakt zur Kartenlegerin. Die hatte in der „Landwirtschaftszeitung“ inseriert und die Mutter ging, um zu schauen, ob sie etwas taugt. Bald geht das halbe Heimatdorf der Freundin dort ein und aus, denn die Kartenlegerin versteht ihr Handwerk. Und weil ich auch Karten lege, findet die Freundin, wäre es an der Zeit, dass ich mir ansehe, wie ein Profi arbeitet.

Sie packt mich ins Auto, wir fahren quer durch Oberbayern, die Oberpfalz und halb Niederbayern, bevor wir vor dem schlichten Einfamilienhaus aussteigen. Ich bin nervös, als meine Freundin die Klingel drückt. Mir die Karten als Mittel der Selbstreflexion zu legen ist etwas völlig anderes, als das, was mich hier erwarten wird, so viel weiß ich aus den farbigen Schilderungen meiner Freundin.

Die Tür öffnet sich. Eine zierliche Frau Anfang vierzig empfängt uns. Sie trägt ihr blondes Haar in einer kurzen Sturmfrisur, dazu ein Piercing im Nasenflügel. Ich bin verblüfft: eine niederbayerische Kartenlegerin habe ich mir anders vorgestellt. Großzügig gewährt meine Freundin mir den Vortritt. Die Kartenlegerin führt mich in einen kleinen Raum: ein Tisch, zwei Stühle, an der Wand eine Vitrine.

„So“, sagt sie, während sie mir einen Pack Karten über den Tisch zuschiebt, „dann fang ma o.“ Zumindest ihr Dialekt ist, wie es sich gehört. Tiefstes Niederbayerisch. Sie legt mit Schafkopfkarten, hat mir meine Freundin auf der Herfahrt erklärt. Das hätte sie von ihrer Oma gelernt, und die wäre bei der Mutter in die Lehre gegangen. Das Wissen um das Kartenlegen würde in der Familie seit vielen Generationen weitergegeben. Mit wem und wie es begann, ist in Vergessenheit geraten.

Ich mische mit schweißnassen Händen, hebe ab und schiebe die Karten wieder zurück. Die Kartenlegerin nutzt nicht nur ein paar Karten, so wie ich es kenne, sie breitet das ganze Blatt in mehreren Reihen auf dem Tisch aus.

„Dann schau ma moi“, murmelt sie, während sie den Blick über die Legung gleiten lässt. Was dann kommt, stellt mein Weltbild auf den Kopf. Detailiert und ohne viel nachzufragen, breitet sie meine gesamte Lebenssituation vor mir aus. Mit so derben wie treffenden Charakterbeschreibungen der Mitglieder meiner Herkunftsfamilie und meines Umfeldes, sowie einer messerscharfen Analyse meiner Lebenssituation.

Ich bekomme noch ein paar so kluge wie praktische Ratschläge für die nächste Zeit mit auf den Weg, dazu die Information, in einem Jahr könne ich wieder kommen, wenn ich das wolle, dann wäre es an der Zeit für die nächste Legung. Damit bin ich – nachdem ich ihr fünfunddreißig Mark in die Hand gedrückt habe – wieder entlassen.

Nachdem meine Freundin für ihre Legung ins Büro verschwunden ist, sitze ich wie betäubt im Flur auf einem der Stühle, die dort für die Kunden bereitstehen. In der Ecke plärrt das Radio. Es dient nicht der Unterhaltung der Wartenden, sondern fungiert als Geräuschkulisse, damit niemand hören kann, was hinter der dünnen Holzür besprochen wird.

Eine Stunde später tritt meine Freundin wieder in den Flur – mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Was sie zu hören bekommen hat, scheint positiv gewesen zu sein. Die Kartenlegerin bringt uns zur Tür. Während sie uns verabschiedet, parkt schon die nächste Kundin in der Auffahrt. Die Kartenlegerin ist über Wochen ausgebucht, obwohl sie Vollzeit arbeitet. Die Leute kommen von weit her, um ihren Rat einzuholen.

Auf der Rückfahrt nach München diskutieren wir unsere Sitzungen. Ich stelle fest, dass ich mich an vieles, was mir gesagt wurde, nicht mehr richtig erinnern kann. Der Schock war zu groß. Es wird Monate dauern, bis ich mich damit abfinden kann, dass eine fremde Frau mein komplettes Leben aus einem Pack Schafkopfkarten herauslesen konnte. Inklusiver Zukunftsprognose. In den nächsten Monaten wird alles, was sie mir prognostiziert hat, wirklich eintreten. Obwohl etwas dabei war, was eigentlich nicht möglich schien. Und ich werde tun, was sie mir geraten hat. Was sich als klug erweist.

Ein Jahr später sitze ich wieder bei der Kartenlegerin. Und von da an jedes Jahr. Ich transformiere mit der Zeit von der Kundin zur Freundin – und zur Kollegin. Als sie irgendwann in Rente geht, fragt sie mich, ob sie ihre Kunden zu mir schicken soll. Ich winke ab. So gut wie sie bin ich nie geworden – und werde es auch nie werden. Und mit Schafkopfkarten kann ich auch nicht legen. Ich bleibe beim Tarot. Aber ich habe viel von ihr gelernt – und ihr viel zu verdanken.

Ohne die kluge Kartenlegerin von den Hängen des Bayerischen Waldes wäre mein Leben anders verlaufen.