Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Zweiundzwanzig: Rorschach-Test

Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiographie, er hätte irgendwann eingesehen, dass seine Songs „musikalische Rorschach-Tests“ wären.

Der berühmteste davon ist „Born in the U.S.A.“. Die Konservativen lieben diesen Song! Donald Trump ließ ihn bei Auftritten spielen, obowohl Springsteen öffentlich Hillary Clinton unterstützte. Ronald Reagan machte mit ihm – und dem Verweis auf den Patrioten Springsteen – Wahlkampfwerbung. Der Hit gilt in der Fachpresse als „one of the most misunderstood songs in history“.

Der Refrain ist aber auch zu verführerisch! Dass es in dem Songtext um einen traumatisierten Vietnam-Veteranen geht, der – von der Politik im Stich gelassen – am untersten Rand der Gesellschaft vor sich hin vegetiert, scheint auf konservativer Seite nur den wenigsten aufzustoßen.

Springsteen meint dazu, er schreibe seine Texte für ein Publikum, von dem er annimmt, dass es mit der selben Sorgfalt zuhört, mit der er seine Worte wählt. Es wäre ein langer Prozess gewesen, bis er für sich akzeptieren konnte, dass die Leute hören, was sie hören wollen.

Das ist der Preis für seine Ambiguität. Gerade diese Ambivalenz, die seinen Texten Tiefe und Unmittelbarkeit gibt, lädt dazu ein, nur die eine Seite zu sehen und die andere auszublenden. Der desillusionierte Vietnam-Veteran ist – trotz allem, was ihm sein Land angetan hat – Patriot geblieben. Deshalb passt der mit so viel Kraft und Stolz vorgetragene Refrain so gut zum bitteren Text. Und wer weiß, was der Ich-Erzähler damals in Vietnam nicht nur selbst erlitten hat, sondern andere hat erleiden lassen?

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, gut oder böse. So einladend und entlastend es ist, Menschen, Taten, Ereignisse zu katalogisieren, so sehr widerspricht es der Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität.

Ich denke, für viele Fans ist die Annäherung an diese Wahrheit ein lebenslanger Prozess. Die Songs von Springsteen begleiten sie „from cradle to grave“. Sie hörten sie als Kinder auf den Rückbänken der Autos ihrer Eltern. Später laufen seine Hits während sie, die eigenen Kinder im Font, selbst am Steuer sitzen. Der eine oder andere – denke ich – hat irgendwann in einem stillen Moment an der roten Ampel auf einmal angefangen so zuzuhören, wie es sich der Boss wünscht. Und ist um eine tiefe Erkenntnis reicher geworden.

So läuft das mit Einsichten. Sie lassen sich weder erzwingen noch verordnen. Sie sind immer ein Geschenk – für beide Seiten.

2 Kommentare

  1. Sori

    Das Lied „Born In The USA“ entstand 1982 im Zuge der Aufnahmen für „Nebraska“. Die ursprüngliche Version unterscheidet sich von der bekannten. Nur mit Akustikgitarre begleitet, singt Springsteen die gleichen Zeilen. Aber in einem anderen Tempo und er verzichtet auf das berühmte Grölen.
    Hätte Jon Landau Springsteen nicht dazu überredet, dieses Lied für später zu verwenden, würden dann mehr Leute besser zuhören und das Lied würde weniger missverstanden werden? Das werden wir nie erfahren.

    PS: Ich bin sehr lange Fan von seiner Musik und setze mich immer wieder neu mit seinem Schaffenswerk auseinander.

    • admin

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar.

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