Meine Gedanken krabbeln in chaotischem Durcheinander. Verzweifelt kämpft jeder einzelne um meine Aufmerksamkeit.

„Schau mich an!“, schreit der eine. „Denk mich!“, der nächste. „Vergiss mich nicht!“, presst ein anderer hervor, während er – heftig um sich schlagend – versucht, an die Oberfläche zu gelangen.

Ich sitze wie betäubt auf meinem Kissen. Was für ein Chaos! „Warum“ – herrsche ich meine Gedanken an – „könnt ihr nicht einfach Ruhe geben? Ich meditiere, verdammt noch mal!“

Sie wimmeln unbeeindruckt weiter. Was interessiert sie mein Seelenfrieden?

Ich weiß genau, was sie gerne hätten. Sie wollen sich auf einer To-do-Liste wiederfinden. Jeder einzelne ruft: „Nimm mich als Punkt eins! Nur wenn Du umsetzt, was ich Dir rate, wird alles gut werden!“

Mein Leben gliedert sich in zwei Zeitrechnungen – wie „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“. Bei mir ist es „bevor ich anfing, zu meditieren“ und „nachdem ich anfing, zu meditieren.“

BCE nahm ich nicht stoisch jeden Morgen auf meinem Kissen Platz, sondern schrieb mit der gleichen Disziplin To-do-Listen. Es dauerte auch ungefähr genauso lange, bis ich meine Gedanken katalogisiert, strukturiert und gewichtet hatte. Den Tag über war ich damit beschäftigt, eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Wenn ich am Abend, bevor ich ins Bett fiel, den letzten Punkt abhaken konnte, war es ein „guter Tag“ gewesen.

Meist waren die Tage „schlecht“. Es lag nicht an meiner Planung: die war realistisch – unter der Voraussetzung, dass alles wie am Schnürchen klappen würde.

Dummerweise funktioniert das Leben selten „nach Plan“. Regelmäßig zerschellten alle Machbarkeitsphantasien an äußeren Widerständen.

Ein paar Wochen, nachdem ich angefangen hatte zu meditieren, hörte ich auf einmal meine innere Stimme. Die war schon immer da gewesen, wurde mir schockartig bewusst. Ich hatte sie nur noch nie wahrgenommen. Oder wohl besser: ich hatte sie nie wahrnehmen wollen! Nachvollziehbarer Weise: ihr Genöle war unerträglich. Es war mir höchst peinlich, als mir aufging, dass ich im Modus des Dauer-Jammerns vor mich hin lebte.

Leider sind Einsicht und Umsetzung zwei Paar Stiefel (zur Zeit habe ich es mit den Schuhen, ich weiß…)

Wie „Christi Geburt“ brachte meine persönliche Zeitenwende nicht das messianische Zeitalter, sondern einfach nur den gleiche Käse auf höherem Erkenntnisniveau.

Auch jetzt, nach Jahren auf meinem Kissen, falle ich immer noch regelmäßig darauf rein: ein Gedanke, der mir sagt, was ich wollen soll, damit ich glücklich bin, okkupiert meine Aufmerksamkeit. Ohne dass es mir bewusst ist, hat er mich in Geiselhaft genommen und zwingt mir einen Fokus auf, der nur noch auf die Erreichung eines bestimmten Ziels hin ausgerichtet ist. Ich entwickle Strategien, plane die nächsten Schritte – nur um damit konfrontiert zu werden, dass das Leben wieder mal nicht so will, wie ich es zu erzwingen versuche. Und – zack – leide ich. Aber wie! Ich kann ja so was von verzweifelt und hilflos sein! Was mir die böse böse Welt antut! Es macht mich fertig. Dabei wollte ich doch nur….

Wenn ich Glück habe, fällt irgendwann der Groschen. Ich erkenne, dass ich mich wieder einmal selbst in den Höllen-Modus katapultiert habe. Zähneknirschend kehre ich zurück auf „Start“.

„Freiheit“ – erklärte meine Zen-Lehrerin heute nach der Morgenmeditation im Tesho – bedeute nicht, die freie Wahl zu haben. „Wahrhaftig frei sind wir, wenn wir annehmen können, was immer uns das Leben in diesem Augenblick schenkt.“

Klingt einfach. Die Umsetzung ist das Problem.

Es empfiehlt sich, die Herausforderung mit Humor zu nehmen. Bert Brecht konnte das, finde ich. Zum Beispiel in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper:

Ja, renn‘ nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug
.

Wo er recht hat, hat er recht….