
„Welche Freude auch immer in der Welt ist, sie entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu machen. Welches Leiden auch immer in der Welt ist, es entsteht aus dem Wunsch sich selbst glücklich zu machen.“
Ich arbeite mich wieder einmal an Shantideva ab. „Bodhicaryavatara“, die „Anleitung zum Leben als Bodhisattva“, ist fast eineinhalb tausend Jahre alt. Die zeitliche Distanz ändert nichts an ihrer Schock-Wirkung. Radikaler – denke ich – geht es nicht.
Das Empfinden von Individualität und Getrenntheit ist Illusion. Um die absolute Verbundenheit mit allen Wesen zu erfahren, muss jede Form von Anhaftung – an den eigenen Körper, an Besitz, an Status, Liebe, Beziehungen – aufgegeben werden. Nur so kann das Leben als Boddhisattva gelingen. Wie das geht, beschreibt der Siddha in einer Drastik, die Luther vor Neid erblassen ließe. Und mit dem Charme einer Werbeagentur, die Rektruten für die Fremdenlegion sucht.
Es hilft nichts, nur so ist wahres Mitgefühl möglich:
„Deshalb gebe ich um der Linderung des eigenen Leidens willen und zur Linderung des Leidens der anderen diesen mein Ich, und ich nehme die anderen als mein Ich an.“
Es hat seinen Grund, warum ich mich gerade wieder mit Shantideva abmühe. Es fällt mir leicht, auf Distanz Mitgefühl mit Anderen zu haben: es berührt mich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die traurig, einsam und verzweifelt sind – solange es nichts mit mir zu tun hat und meine einzige Aufgabe darin besteht, mit ihnen mitzufühlen.
Aber sobald ich in dieses Leid involviert bin, tritt der Selbsterhalt an Stelle der Empathie. Wenn mir jemand vorzuschreiben versucht, wie ich zu leben, zu denken und zu fühlen habe, hört der Spaß auf! Der Andere wird zum absoluten Gegenüber. Die Idee, diesen tyrannischen Feind, der nicht weniger als die Vernichtung meines „Ich“ anstrebt, als integralen Teil von mir anzusehen, löst nur Wut in mir aus. Nichts sonst.
Und umgekehrt lösen meine Versuche, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben, im Gegenüber diese rasende Wut aus – die mir in diesen Momenten aber völlig unverständlich ist! Ich erlebe mich in diesen Situationen nicht als tyrannisch – ich tue, was vernünftig ist.
„Haha!“ Würde Shantideva – von dem ich mir immer denke, er müsse ein Mensch mit Humor gewesen sein – rufen. „Erwischt!“
Immer wenn wir antreten, das eigene Glück zu verteiden – weil wir sonst sterben, unglücklich sind, es uns zusteht, es nur so richtig ist – bringen wir Leid über uns und andere.
Und umgekehrt ist es genauso: sobald wir mit einem Gegenüber konfrontiert sind, das glaubt, sein eigenes Glück gegen uns verteidigen zu müssen, leiden wir – und der Andere.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem Leben zum Boddhisattva werde. Dafür bin ich viel zu egozentrisch.
Realistischerweise bleibt mir nur, was mein Zen-Lehrer vorschlägt: mich nicht so wichtig zu nehmen. Und im Alltag nicht immer in die Opfer-Rolle zu rutschen, wenn wieder mal ein Gegenüber denkt, sein persönliches Glück durchdrücken zu müssen. Hey, es hat nichts mit mir zu tun!
Ab und an schaffe ich es dann sogar, aus meinen Schuhen zu schlüpfen, in die des Anderen zu steigen und ein paar Schritte darin zu laufen. Und – ganz kurz – Mitgefühl zu empfinden für jemanden, den ich am liebsten erschießen würde.
Jedesmal begleitet von der verblüffenden Erkenntnis, wie sehr mich genau diese Haltung entspannt. Dummerweise hält sie nie lange an…
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