„Sie kriegen heute was umsonst!“ Als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, nickt die Verkäuferin hinter dem Tresen der Bäckerei bestimmt. „Sie haben“, sie wirft einen Blick auf den Display ihrer elektronischen Kasse, „zwanzig halbe Roggenbrote gekauft.“ Das hat ihr wohl meine Kundenkarte verraten, die ich brav bei jedem Einkauf vorlege. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir eine zuzulegen, obwohl die Bäckereikette offensiv dafür wirbt. Eine besonders mütterliche Verkäuferin hatte im Winter darauf bestanden: bei dieser Inflation freue man sich doch über jeden Cent, den man sparen könne!

Ich bekomme mein halbes Brot seitdem um fünf Cent billiger und habe mir in drei Monaten einen satten Euro gespart! Dass ich jeden 21. Einkauf gratis bekomme, war mir nicht bewusst.

Ich bedanke mich und will mein halbes Brot einpacken. „Aber nein!“, ruft die Verkäuferin. „Sie können doch nicht nur ein halbes Brot nehmen, wenn sie einen Einkauf umsonst kriegen!“ Ich sehe sie hilflos an. Ich kaufe hier nie etwas anderes als ein halbes Roggenbrot. „Nehmen sie doch zumindest noch das andere halbe!“, beharrt mein Gegenüber.

„Ich bin Single. So viel esse ich nicht.“ Wie kommt es, dass ich hier meinen Beziehungstatus diskutiere? Die Verkäuferin ist unerschütterlich. „Sie können die andere Hälfte einfrieren!“

„Ich habe kein Tiefkühlfach.“ Sie scheint mich nicht gehört zu haben. „Doch!“, beharrt sie, „Das geht gut. Wenn es aufgetaut ist, schmeckt es wie frisch.“

Die Verkäuferin wirft mir einen flehenden Blick zu. Ich bin konfus. Warum lässt sie mich nicht einfach mit meinem halben Gratis-Brot von dannen ziehen? Sie ist es wohl gewohnt, ihre Backwaren gegen fordernde Kunden verteidigen zu müssen, die in ihrem inflationsgetriebenen Sparwillen austesten, wo die Grenzen des Kundenkarten-Bonus liegen. Jemand wie ich scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein.

„Ich wohne zur Untermiete und habe noch nicht mal einen richtigen Kühlschrank,“ fühle ich mich bemüsigt ihr zu erklären. „Nur einen Campingkühlschrank!“ Innerlich schüttle ich den Kopf. Ich wollte einfach nur ein halbes Brot kaufen! Statt dessen gebe ich nach meinem Beziehungstatus jetzt auch noch meine Wohnsituation preis.

Die Verkäuferin mustert mich verblüfft. Ich scheine nicht den Eindruck einer Frau zu machen, die knapp oberhalb der Obdachlosigkeit lebt. „So lasse ich sie nicht gehen!“, sagt sie bestimmt. „Irgendwas müssen sie noch mitnehmen!“ Sie ist jung und schön, das ist mir schon beim Betreten des Ladens aufgefallen. Und sie hat umwerfende grüne Augen. Das merke ich erst jetzt. Aus denen wirft sie mir einen flehenden Blick zu. „Sie machen mich sonst unglücklich!“

Das will ich auf keinen Fall! Verzweifelt inspiziere ich die Auslage. „Dann geben sir mir doch noch ein Stück Kuchen.“ Ich deute aus einem Impuls heraus auf den Zupfkuchen, der so schön gelb und braun vor mir leuchtet. Die Verkäuferin nickt erleichtert und packt – zu meinem Entsetzen – nicht ein, sondern gleich zwei Stücke ein. Ich stopfe Brot und Kuchen in meinen Rucksack, bedanke mich herzlich und eile mit einem Seufzer der Erleichterung hinaus.

Auf dem Gehsteig rufe ich Maria an. Sie wohnt gleich hinter der Bäckerei. Ob ich ihr zwei Stück Zupfkuchen vorbei bringen dürfe? Sie wäre „realy sorry“, teilt sie mir mit, „but no.“ Ich hatte es schon befürchtet.

Ich bin der Schrecken aller Gastgeber: ich esse kein Fleisch, meide Gluten und Zucker. Das letzte, wofür ich mich begeistern kann, ist Kuchen. Wegwerfen will ich den Zupfkuchen der schönen Verkäuferin aber auch nicht. Während ich auf dem Rückweg ins Untermietzimmer vor mich hin grüble, kommt mir eine abgerissene Gestalt entgegen. Ein großer hagerer Mann, der sich mit der rechten Hand bei jedem Schritt auf einer Krücke abstützt, sein fandenscheiniger Mantel flattert um die langen Beine. Als ich auf gleicher Höhe mit ihm bin, spricht er mich an und hält mir seine Hand hin.

„Ich habe was für sie!“, erkläre ich ihm entschieden, lasse den Rucksack von meiner Schulter gleiten, hole das Päckchen der grünäugigen Verkäuferin heraus und drücke es ihm in die Hand. „Da! Zwei Stück Zupfkuchen!“

„Ich war nur der Bote!“, denke ich mir im Weiterlaufen, während ich den verblüfften Blick des Mannes im Rücken spüre. „Der Kuchen war garnicht für mich. Der war von Anfang an für den da.“