Nachdem ich mich in Traum-Yoga geübt habe, um luzide Träumen zu lernen, erhalte ich eine Einladung – in Form eines luziden Traums…

Meiner intensiven Meditationspraxis verdankte ich die unerwartete Konfrontation mit einem verdrängten Kindheitstrauma.

Begleitet von heftigen Albträumen.

Um diese besser kontrollieren zu können, übte ich mich in „Traum-Yoga“. Dadurch lernte ich, luzide zu träumen. Auf einmal war es mir bewusst möglich, die Handlungen meiner Träume zu steuern.

Eine tolle Erfahrung!

Die neue Fertigkeit kam allerdings mit überraschenden – und weitreichenden – Konsequenzen:

Während einer morgendlichen Meditationseinheit „sah“ ich auf einmal, wie mein Kronen-Chakra-Tier – ein Bartgeier – die Flügel ausbreitete und sich in die Luft erhob.

Das Bild veränderte sich: Ich wurde zum Bartgeier, flog über Täler, Wiesen, Flüsse, Seen, schließlich über ein riesiges, mit Schnee bedecktes Gebirge.

In einem engen Tal inmitten des Gebirges entdeckte ich ein langgezogenes gemauertes Gebäude. Jetzt ging es tiefer, nach ein paar Kreisen über dem Gebäude landete ich – als Bartgeier – auf der Brüstung einer Dachterrasse. Dort stand ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen in der Robe eines buddhistischen Mönchs. Wortlos streckte er mir eine Pergamentrolle entgegen, die mit einem Lederband verschnürt war, an dem ein paar Federn hingen. In meiner Bartgeier-Form verneigte ich mich tief, griff mit einer Klaue nach dem Pergament, stieß mich von der Brüstung ab und überflog das riesige Gebirge, Täler, Wiesen, Seen und Flüsse und landete wieder am Lagerfeuer bei den anderen Chakra-Tieren. Die freuten sich sehr: Wir hatten eine Einladung erhalten!

Genau in dem Moment piepste meine Meditationsuhr: die morgendlichen 40 Minuten Zazen waren vorüber.

Das Erleben mit dem Geier und dem alten Mann war deutlich intensiver gewesen, als die üblichen Bilder meines Inneren Kosmos.

Es hatte die Qualität eines luziden Traums gehabt.

Ich hatte keine Ahnung, was das war, was ich gerade erlebt hatte. Ich wusste nur: es hatte eine tiefe Bedeutung!

Grübelnd hockte ich auf meinem Meditationskissen und brütete über die seltsamen Traum-Bilder. Das hohe Gebirge, die Einladung, der alte Mann.

Der alte Mann!

Den hatte ich doch schon mal irgendwo gesehen! Ich war mir sicher.

Nur wo?

Schließlich fiel es mir ein: in einem Wikipedia-Eintrag über Bön! Als ich das Traum-Yoga-Buch entdeckt hatte – Suchbegriff „Luzides Träumen“ – hatte ich über den Autor recherchiert. Tenzin Wangyal – erfuhr ich – wäre ein tibetischer Lama und „Bön“.

Davon hatte ich noch nie gehört. Aber es gefiel mir. Es klang ein bisschen wie „Zen“. Vermutlich war das der Grund, warum ich mich am Ende für dieses Buch entschied.

Ich schwankte zum Schreibtisch und rief den Artikel ein weiteres Mal auf:

„Der Bön ( „Wahrheit“, „Wirklichkeit“, „wahre Lehre“), genannt auch Bön-Religion und Bon-Religion, war vor der Etablierung des Buddhismus als Staatsreligion im 8. Jahrhundert die vorherrschende Religion der Tibeter. … Der Bön ist eine animistisch-poytheistische Religion mit starken schamanischen Eigenschaften. Ahnenkult und eine ausgeprägte Beerdigungs- und Gedenkkultur sind ebenfalls wichtige Aspekte des Bön.

Später beeinflussten sich der Bön und der Buddhismus gegenseitig, wobei aus dem Bön rituelle und schamanistische Elemente oder Bön-Gottheiten in den Buddhismus gelangten und umgekehrt aus dem Buddhismus Aspekte wie die Vorstellung einer Reinkarnation oder des Karma vom Bön übernommen wurden.“

Am Ende des Artikels war das Foto des alten Tibeters in Mönchsroben abgebildet, der meinem Geier die Einladung überreicht hatte.

„Lopon Namdak“, las ich. „Abt eines Klosters in Nepal.“

Das alles war ein einziges großes Rätsel…

Probeweise tippte ich „Lopon Namdak“ und „Deutschland“ in die Suchmaske.

Das erste Ergebnis: Eine Einladung! Zu einem „Ngöndro“. Im Odenwald.

Ich hatte keine Ahnung, was ein „Ngöndro“ sein soll.

Ich tippte auf das Suchergebnis, landete auf der Homepage eines Buddhistischen Meditationshauses und las die Beschreibung des Angebots. Es schien sich um eine Art Ausbildung zu handeln. Dauer: zwei Jahre. Alle drei Monate vier Tage Unterricht von einem „Kenpho“.

Darauf eine genaue Beschreibung des Unterrichtsinhaltes. Ich verstand kein Wort!

Trotzdem meldete ich mich am nächsten Tag an.

Diese Einladung – so viel war klar – musste ernst genommen werden.

Sie war – so kam mir vor – eine Sache von Leben und Tod…