
Wenn ich erzähle, dass ich gerade die Autobiographie von Andre Agassi lese, kommt jedes Mal wie aus der Pistole geschossen: „Der hat Steffi Graf geheiratet!“
Ob das auch der erste Gedanke ist, der Amerikanern in den Sinn kommt, wenn sie „Andre Agassi“ hören?
Ich interessiere mich nicht für Tennis. Meine kurze Tennis-Karriere endete mit der Trennung meiner Eltern. Der Auszug meines Vaters erlöste mich von der Pflicht, meinen Status als gehobenes Mittelschichtskind auf dem roten Sandplatz des örtlichen Tennisvereins verteidigen zu müssen. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung: nichts hatte mich mehr angeödet, als in Bruthitze kleine Filzbälle über viel zu hohe Netze schlagen zu müssen. Ich war klein und zierlich, außerdem fehlte mir jeder Killerinstinkt. Wenn der Ball ins Aus ging, gut, dann war er im Aus. Kein Grund, sich deswegen einen Kopf zu machen.
Meinen Vater machte es rasend. Was ich nicht verstand: wenn ich außerhalb des Court Initiative und Eigenwille an den Tag legte, ließen seine Wutanfälle die Wände unseres gepflegten Einfamilienhauses zittern. Es dauerte Jahre, bis mir klar wurde, dass ich meine Tennis-Qualen Steffi Graf zu verdanken hatte. Es war en vouge, eine sportliche Tochter zu haben, da wollte mein Vater nicht nachstehen. Dass Steffi jenseits des Turnierplatzes still, bescheiden, blond und hübsch war, machte das Ziel sicher noch erstrebenswerter.
Diese längst vergessene Episode meiner Kindheit kommt mir wieder in den Sinn, während ich Agassis Buch lese. Es wurde von dem selben Ghostwriter geschrieben, der auch die aktuelle Autobiographie von Prinz Harry verfasste, hatte ich in meiner Tageszeitung gelesen. Und dass dieser Ghostwriter – ein bekannter Journalist – spezialisiert wäre auf Lebensläufe von Männern, die alle dem selben archetypischen Muster folgen würden: sie wären von starken Frauen befreit worden.
Das finde ich interessant. Ich schreibe schließlich Geschichten. Wie alle Autoren kenne ich den Mythos der „Heldenreise“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell. Unzählige Disney-Movies und Hollywood-Blockbuster sind nach diesem Urmuster gestrickt, dass Campbell – in Anlehnung an C.G. Jung – als Archetypus definierte, der die Menschheit seit den Anfängen der Kultur begleitet. Der männliche Held muss die Heimat verlassen, eine harte Initiation durchstehen, sich – unterstützt von Weisen und Magiern – inneren wie äußeren Schatten und Verführungen stellen, um schließlich siegreich und gereift nach Hause zurück zu kehren.
Nirgends steht, dass der Held von einer starken Frau befreit werden muss.
Prince Harry interessiert mich nicht. Mit Agassi kann ich was anfangen – er hat Steffi Graf geheiratet. Also lese ich „Open“, erschienen 2010.
Zusammenfassung: ein intelligenter sensibler Junge wird von seinem narzisstischen Vater mit extremer Brutalität vom Kleinkindalter an auf eine Tenniskarriere vorbereitet, landet mit dreizehn Jahren in einem sadistischen Tennis-Bootcamp, bricht mit fünfzehn die Schule ab und wird Profi, unterhält und verstört die Welt mit pubertärem Rebellentum, erlebt Höhenflüge und Abstürze, findet irgendwann einen guten Ersatzvater, entdeckt, dass sein Lebenssinn darin liegt, anderen zu helfen und erobert – nach Jahren des erfolglosen Werbens – seine Steffi.
Es ist die klassische Heldenreise! Inklusive Magie – sein zweiter Trainer ist hellsichtig, immer wieder geschieht etwas in Andres Leben, das man auch unter „Wunder“ laufen lassen könnte.
Das Spezielle ist wohl, dass ihm die Prinzessin – die er über Jahre liebt und die ihm eisern die kalte Schulter zeigt und erst bereit ist, sich erobern zu lassen, als er seinen Lebenssinn gefunden hat – überlegen ist.
Agassi kann acht Grand-Slam-Titel vorweisen, Steffi zweiundzwanzig. Agassi war 101 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste, Steffi 377 Wochen. Bezeichnend eine Szene während ihres zweiten Dates: Sie erzählt ihm, dass sie mit dem Deutschen Leichtathletik-Kader 800-Meter-Läufe trainiert. Was ihre Bestzeit wäre, fragt Agassi. Das will sie ihm nicht sagen. Statt dessen schlägt sie ihm ein Wettrennen vor – das er prompt verliert. Es stört ihn nicht. Genauso wenig, wie es ihn erschüttert, dass sie ihn bei Trainingseinheiten auf dem Tennisplatz regelmäßig düpiert. Im Gegenteil: er ist stolz auf sie!
Was ihn am meisten an ihr beeindruckt, ist – neben ihrer persönlichen Integrität (und ihren Beinen) – ihre Fähigkeit, sich nicht von Rückschlägen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Stoisch zieht sie ihr Ding durch, egal was passiert. Das kann er nicht, es ist seine Achillessehne: regelmäßig erleidet er Niederlagen in Spielen, die er hätte gewinnen können, weil er sich von Punktverlusten den Schneid abkaufen lässt. Seitenlang geht es in dem Buch darum, wie sein Trainer und er versuchen, gedankliche Losungen zu finden, die ihn wieder auf die richtige Spur bringen. Meist vergebens.
Als er mit Steffi darüber spricht, meint sie trocken: „Stop thinking! Feeling is the thing. FEELING!“ Das hat ihm vor ihr noch keiner gesagt. Er dachte immer, es gehe darum, die falschen destruktiven Gedanken auszumerzen und durch die richtigen zu ersetzen. Das findet Steffi albern. Es führe ins Nichts. Es gehe darum zu akzeptieren, dass er fühlt, was er fühlt. Er ist schwer beeindruckt. Und beschließt, zu seinen Emotionen zu stehen.
Der kluge Andre Agassi hat eine Zen-Lehrerin geheiratet. Sie scheinen immer noch glücklich miteinander zu sein…
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