
Die Taube ist busy. Zielstrebig ist sie am Ende des rechten Fenstersimses gelandet, trabt mit energischen kleinen Schritten den Vorsprung entlang, flattert zum nächsten Fenster und schreitet außen an meinem Schreibtisch vorbei, mich dabei mit dem linken Auge konzentriert fokusierend. Das metallische Kratzen ihrer Krallen auf dem Kupferblech begleitet jeden ihrer Schritte. Das macht sie fast jeden Morgen, außer es regnet. Nässe scheint sie nicht zu schätzen.
Ich habe keine Ahnung, was hinter ihrer Morgenroutine steckt. Ich füttere sie nicht, bei mir gibt es nichts zu holen. Sie sucht auch nicht nach Futter. Sie landet, marschiert zielstrebig über beide Fensterbretter, während sie mich – die ich am Schreibtisch sitze und arbeite – fixiert, und flattert wieder davon. Ich gehe davon aus, dass ich ihr herzlich egal bin. Vermutlich bin ich für sie genauso bedeutungslos wie der wuchernde Avocado neben meinem Schreibtisch.
Umgekehrt sieht es anders aus: ich betrachte sie als meine „Kontroll-Taube“. Ihr kritischer Blick beim steifen Vorbeischreiten erinnert an einen Studienrat, der während der schriftlichen Prüfung darüber wacht, dass keiner der Schüler abschreibt oder spickt.
Mein Über-Ich ist gut entwickelt. Fast schon ein bisschen zu gut: einfach mal alle Fünfe grade sein zu lassen, gehört nicht zu meinen Stärken. Es ist ein zweischneidiges Schwert, finde ich. Einerseits ist es ein Malus, sich nicht gehen lassen zu können. Andererseits ist es von Vorteil, selbstdiszipliniert zu sein.
Ich meditiere täglich. Da kann es regnen oder schneien, ich schlecht geschlafen haben, an Liebeskummer leiden, what ever. Kissen ist Kissen und Pflicht ist Pflicht. Die Erfahrung nach Jahren der Selbstkasteiung: irgendwas kommt immer dabei raus. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, nur weil ich unausgeschlafen, depressiv oder kreuzunglücklich bin. Es kommt und geht, heute bin ich verzweifelt, morgen euphorisch, übermorgen gelangweilt. So what?
Mein „silver lining“ Blog ist jetzt zwei Monate alt. Am 07. Februar lud ich den ersten Text hoch. Es war ein Experiment, aus einer Laune heraus geboren. Maria und ich planten eine Reise nach Polen. Es bot sich an, probeweise darüber zu bloggen. Ich wollte es schon länger mal ausprobieren, ging aber davon aus, dass es mir nicht liegen würde. Ich schreibe dicke Schmöker, irgendwo an der Grenze zwischen magischem Realismus und Fantasy. An jedem arbeite ich mindestens ein Jahr. Bis auf meine treue kongeniale Protoleserin kriegt während der Entstehungszeit niemand zu Gesicht, was ich mir ausdenke. Die Idee, jeden morgen einen Text über konkrete Tagesereignisse zu verfassen, der dann sofort gelesen wird, fand ich absurd. Ich dachte weder, dass es mir Spaß machen würde, noch das ich es könnte.
Mit dem Bloggen ist es wie mit dem Meditieren, lautet das Zwischenergebnis nach den ersten zwei Monaten: irgendwas kommt immer dabei raus, wenn ich mich täglich dazu zwinge, einen Blog-Text zu schreiben. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mal neben der Spur, nicht auf der Höhe meiner Schaffenskraft oder emotional Gaga bin. Des Öfteren auch alles zusammen.
Eine wertvolle Erkenntnis, die ihr mir – liebe geduldige Leser – schenkt. Herzlichen Dank dafür, dass ihr nachsichtiger auf mich blickt, als meine strenge Kontroll-Taube!
Schreibe einen Kommentar